Programm Kuenstler Kataloge Edition Presse Kontakt |   Intro   Vorschau   Aktuell   Archiv  English version
  [DISCO FLOOR_BOOTLEG:4. Angela Bulloch]

SHOW / LIVE ACT
Verein Medienturm
Großmarktstraße 8b, A-8020 Graz
10.01-09.02.2003

Mit dem „Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ ist etwas verloren gegangen – etwas, das Walter Benjamin in seinem gleichnamigen Aufsatz als Aura beschrieben hat. Die Aura definiert Benjamin als „einmalige Erscheinung einer Ferne, so nah sie sein mag.“ Diese einmalige Erscheinung ist an das einmalige Kunstwerk gebunden, das – als Original und ausgestattet mit dem Vermächtnis historischer Zeugenschaft – im Hier und Jetzt erscheint, ja nur im Hier und Jetzt erscheinen kann: „Denn die Aura ist an sein Hier und Jetzt gebunden. Es gibt kein Abbild von ihr.“ Mit der Reproduzierbarkeit, die Benjamin an der Fotografie und am Film hervorhebt, verschwindet diese Aura, um einem gesellschaftlichen Anliegen Platz zu machen: der „Tendenz einer Überwindung des Einmaligen jeder Gegebenheit durch die Aufnahme von deren Reproduktion.“ Mit anderen Worten: Die Reproduktion und Reproduzierbarkeit ermöglichen eine Emanzipation von der Einmaligkeit; und mit diesem Verlust der Einmaligkeit eröffnet sich die Möglichkeit, „das Abbild des Originals in Situationen zu bringen, die dem Original selbst nicht erreichbar sind. Vor allem macht sie ihm möglich, dem Aufnehmenden entgegenzukommen, sei es in Gestalt der Photographie, sei es in der der Schallplatte. Die Kathedrale verlässt ihren Platz, um in dem Studio eines Kunstfreundes Aufnahme zu finden; das Chorwerk, das in einem Saal oder unter freiem Himmel exekutiert wurde, lässt sich in einem Zimmer vernehmen.“ Schöner kann man nicht formulieren, wie die Reproduzierbarkeit ein Phänomen wie die Popularisierung von Kultur gefördert und zugleich die Ideologie der Einmaligkeit und Einzigartigkeit perforiert hat. „Die Kathedrale verlässt ihren Platz, um im Studio [...] Aufnahme zu finden“! Mit diesem Satz allein könnte man die Arbeit von Angela Bulloch beschreiben – die Arbeit einer Künstlerin, die sich seit Jahren mit „kathedralen“ Kulturvorstellungen auseinander setzt, um sie ins Studio zu holen und nochmals zu bearbeiten: um sie durch die Reproduzierbarkeit aus der Kathedrale zu retten, und sie den „Aufnehmenden“ unter anderen Bedingungen entgegenzubringen. Und damit hat Benjamin recht, wenn er sagt: „In dem Augenblick aber, da der Maßstab der Echtheit an der Kunstproduktion versagt, hat sich auch die gesamte soziale Funktion der Kunst umgewälzt. An die Stelle ihrer Fundierung aufs Ritual tritt ihre Fundierung auf eine andere Praxis: nämlich ihre Fundierung auf Politik.“
Bulloch arbeitet mit Reproduktionstechnologien und greift zugleich auf Motive zurück, die das soziale Produkt dieser Reproduktionstechnologien sind: auf Vorstellungen und Erfahrungen, die sich auf Grund ihrer Reproduktion einer breiten Öffentlichkeit als Kulturindustrie und Populärkultur vermittelt haben und je nach Motiv sogar eine ganze Generation prägen konnten. Nehmen wir aus gegebenem Anlass ihre Arbeit DISCO FLOOR_BOOTLEG:4 – eine Kombination aus einer Licht- und Soundinstallation, deren Elemente eine Vorstellung der 1970er Jahre evozieren, sei es der Dancefloor mit farbigen leuchtenden Glasplatten, sei es die Instrumentalversion eines „Discogassenhauers“ aus der gleichen Zeit: dem Track „Good Times“ von Chic. Sehr unvorsichtig könnte man diesen Eindruck einer unausweichlich gemeinsamen Geschichte mit einem „kollektivem Gedächtnis“ beschreiben, das hier in Erinnerung gerufen wird. Noch unvorsichtiger – und für Benjamin Anfang des 20. Jahrhunderts noch nicht vorstellbar – könnte man sogar behaupten, dass diese Installation eine Aura der 1970er Jahre imaginieren lässt, obwohl die gesamte Arbeit mit Reproduktionstechnologien hergestellt ist, und selbst Motive wie der Disco-Floor und der Sound nur mehr zeitgenössisch reproduzierte Abbilder des einstigen „Originals“ sind. Von den Ritualen in der Disco und auf der Tanzfläche soll hier gar nicht gesprochen werden. Effektiv, suggestiv und affizierend: ein in Licht und Klang getauchter Raum. Eine Präsenz, die ihren Reiz auch daraus bezieht, was sie ausblendet, was sie vergessen lässt. Eine Präsenz, die weniger auf Kontemplation abzielt, sondern auf etwas, das Benjamin mit „Zerstreuung“ beschrieben hat. Zerstreuung wäre demnach ein Instrument, Probleme, die allein mit Kritik nicht zu lösen sind, zu bewältigen, indem man sich an sie gewöhnt. „Gewöhnen kann sich auch der Zerstreute. Mehr: gewisse Aufgaben in der Zerstreuung bewältigen zu können, erweist erst, dass sie zu lösen einem zur Gewohnheit geworden ist.“ Damit hat Benjamin eine Kritik, die in der Zerstreuung die bloße Ablenkung von der Sorgen des Alltags erkennt, zurück gewiesen und ein Feld eröffnet, das in der Populärkultur auch ein Stück weit Kulturkritik sieht.
Bulloch widmet sich in ihren Arbeiten dieser Mischung aus Zerstreuung, Populärkultur und Kulturkritik. Geht man von der These aus, dass sich die Widersprüchlichkeit der sozialen und politischen Verhältnisse einer Überschaubarkeit entziehen, dann erscheint die Realität als Bruchstück. Implizit folgt damit die Kritik selbst dem Fragmentarischen. Ihr Einspruch ist partikulärer Natur. Wo die Berufung auf das Echte und Originale noch einen Eindruck von Totalität im Auge haben konnte – vermittelt als Aura, in der Nähe und Ferne ineinander übergehen – bleibt der Zerstreuung nur mehr der Ausschnitt, der Blick aufs Detail, das nicht mehr fürs Ganze einsteht. Mit dem Titel DISCO FLOOR_BOOTLEG:4 suggeriert Bulloch eine Lesbarkeit der Glaselemente als Zitat und Fragment eines Dancefloors. Die Tanzfläche selbst hat sich zerstreut; geblieben ist ein Bild der Erinnerung, das sich ans Detail heftet, um sich die Abwesenheit des Originals umso deutlicher zu vergegenwärtigen. Was buchstäblich erscheint, ist die Reproduktion eines verloren gegangen Originals: die Reproduktion der Reproduzierbarkeit. Die Reproduktion der Reproduzierbarkeit als Thema und Motiv emanzipiert sich aber nicht nur vom Original, sondern wird selbst zum Thema, das ein Thema ersetzt. Nicht zufällig verwendet Bulloch die gleichen Leuchtelemente in den „Pixelarbeiten“, die im einzelnen Baustein ein quasi vergrößertes Pixel eines Bildfeldes erkennen. Und wieder: Fern ab davon an die Totalität eines Bildes zu glauben, erscheint das Detail eines Bildes, das sich der Überschaubarkeit entzieht. Ein Bild, das sich weigert, ein Bild abzugeben; es sei denn: ein zerstreutes Bild, ein Bild der Zerstreuung. Was sich auf den ersten Blick als Aura vermittelt, gibt sich auf den zweiten Blick als Zoom zu erkennen. Der Zoom, das Heranziehen des Details, die Realität des Fragments, ist die modifizierte Form der „Erscheinung einer Ferne so nah sie sein mag“. Was den Zoom von der Aura unterscheidet, ist seine Reproduzierbarkeit, in die sich Bulloch hineinzoomt. Der Zoom als wahrnehmungstechnische Figur hat aber zwei Konsequenzen: Lässt er auf der einen Seite das Detail riesenhaft erscheinen, so verwandelt er auf der anderen Seite das wahrnehmende Subjekt in eine Mikrobe. Die monumentale Dimension der Pixel ist nur der Ausdruck für die Mikropolitik des Subjekts: ein Subjekt, das sich selbst als fragmentarisches, temporäres und zerstreutes erkennt. Dieser Blick auf das zerstreute und pulverisierte Subjekt wird nicht von oben, aus der Vogelperspektive, gewonnen, sondern vom Fragment her, aus den Eingeweiden der Reproduzierbarkeit, aus einer Zellkultur. Das Subjekt verlässt seinen Platz…

Andreas Spiegl

Angela Bulloch

1


« »


 

Angela Bulloch, Disco Floor_Bootleg:4, 2003. Installation. Ansicht Kunstverein Medienturm

1