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  [REALNESS RESPECT. ]

AUSSTELLUNG
Kunstverein Medienturm
Josefigasse 1, 8020 Graz
29.09-07.12.2012

Ausstellungs- und Performanceansichten auf Facebook

Di-Sa 10-13h, Mi-Fr 15-18h
Sonderöffnungszeiten während des steirischen herbst 29.9.-14.10.2012, Mi-So 10.30-18h

Eröffnung 29.09.2012, 11.00h

29.09.2011, ab 11.00h Interventionen von Carola Dertnig, Christian Falsnaes, Ilja Karilampi, Santiago Sierra

Pressegespräch 28.09.2012, 11.00h

Pressedownload

Kuratorenführung
4.10.2012, 17h

Lange Nacht der Museen
06.10.2012, 18.00-1.00h

Katalogpräsentationen
06.10.2012, 18.00 mit Bernhard Frue, Paul Petritsch, Nicole Six und Sandro Droschl

Geführter Ausstellungsrundgang des steirischen herbst
07.10.2012 14.00-16.30h
Treffpunkt: Kunsthaus Graz

Koproduktion steirischer herbst und Kunstverein Medienturm

Info Shuttleservice 29.9.2012 Wien-Graz-Wien

Programm steirischer herbst
Je deutlicher man sich vom medial vermittelten Konsens einer liberalen, demokratischen Gesellschaft abgrenzt, umso stärker scheint das Bedürfnis nach der Konstruktion einer Wirklichkeit zu werden, die ihren eigenen Konventionen und Regeln folgt. Realness Respect zeigt aktuelle performative Entwürfe, die auf die spürbare Differenz zwischen subjektiv wahrgenommener und medial vermittelter, gemeinsamer Realität reagieren. Doch wo politische Kunst sich mit dem Verhältnis von Ästhetik und Realität auseinandersetzt, stellt sich schnell die Frage nach der Autonomie und der Stellung des Kunstwerks, auf Basis derer Künstler und Künstlerinnen konkrete und kritische Arbeit an gesellschaftlichen Themen leisten. Auch ohne eindeutige Antworten schafft Kunst hier eigene konkrete Wahrheiten.

Wie der Titel Realness Respect schon andeutet ist die Sicht auf die Wirklichkeit vielfältig, letztlich folgt wohl jeder seiner eigenen Version, und doch gehen wir trotz aller Antagonismen und medialer Vermittlung von einer gemeinsamen Realität aus, außerhalb derer kein Außen existiert. Diese Sicht auf eine gemeinsame Realität ist durch veränderte geo-politische Strukturen und Verwerfungen des Finanz- und Kreditsystems von einer zunehmenden Verunsicherung geprägt, die letztlich auch in unseren mitteleuropäischen Breitengraden von der Sorge getrieben ist, ob die seit Jahrzehnten gewohnte Erfahrung eines kontinuierlichen monetären Wachstums und eines darauf basierenden, relativen sozialen Friedens längerfristig aufrechtzuerhalten ist.

Handeln und Erkennen finden immer in der einen, als ausgezeichnete vermittelte Realität statt. Jenseits der Diskurse, die diese Realität hervorbringen, ist es nicht möglich einen autonomen Standpunkt zu behaupten. Nach Jean-François Lyotard ist diese Realität dem ökonomischen System des Kapitals unterworfen, das durch die Vereinnahmung von Zeit gekennzeichnet ist: Zukünftiges wird vorab kalkuliert und bewertet, um daraus in der Gegenwart Gewinn zu machen oder die Ereignisse gewinnbringend in das System zu integrieren.
Der Diskurs der Kunst und auch der Philosophie haben jedoch Möglichkeiten: Sie müssen sich kontinuierlich damit auseinandersetzen, das Unsagbare sagbar, sowie das Undarstellbare darstellbar zu machen. In den Künsten ist die Methode des unaufhaltsamen Experiments wesentlich: Es werden damit Ereignisse erzeugt, die auf Widersprüchlichkeiten im hegemonialen Diskurs des Kapitals verweisen.
So wie ein dichtes Netz von Machtbeziehungen die Einrichtungen und Institutionen (die u.a. den Diskurs und die damit verbundene Realität herstellen) durchzieht, so können sich – nach Michel Foucault – Widerstandspunkte analog ausbreiten, ohne dabei von diesen Einrichtungen, Institutionen oder einzelnen Individuen abhängig zu sein. Wenn dabei die strategische Codierung von Macht zu einer Akkumulation von Macht führt, so kann analog dazu die strategische Codierung von widerständischen Elementen zu einer Revolution führen. Die Künstler und Künstlerinnen können so versuchen, sich an der medial vermittelten Realität in Relation zum Ereignis abzuarbeiten und dabei nicht nur die Grundlagen dieser zu hinterfragen, sondern sich auch ihrer eigenen symbolischen Stellung bewusst sein.

In den Jahren 1963 bis 1969 entwarf Franz Erhard Walther den 1. Werksatz, bestehend aus 58 Objekten – zumeist vernähte und zugeschnittene Textilstoffe. Diese Objekte offerieren durch ihren Gebrauch die Möglichkeit zur Handlung und erhalten dadurch ihre Bedeutung, die Vollendung des Werkprozesses liegt bei den Nutzer/innen. Walther stellte „Instrumente“ bereit und zeigte wie sie funktionieren. Mit den zum 1. Werksatz entstandenen Werkzeichnungen materialisiert Walther solche Werkentstehungen als Hinweise auf die mögliche Benutzung der Objekte und mögliche Erfahrungen der Rezipient/innen. Schrift und bildhauerische Skizzen werden mit Raum, Terminologie und Tätigkeit verbunden. Die Intention Walthers künstlerischer wie terminologischer Setzung war nicht zuletzt, den Kunstbegriff aus seiner objekt- und rezeptionsorientierten Tradition zu lösen: das Kunstwerk, betrachtet als Akt der Verwendung eines Handlungsangebotes, den ein Publikum vollzieht.
Mit der auszugsweisen Präsentation der Werkzeichnungen verweist die Ausstellung auf eine anti-essentialistische und relationale Werkkonzeption, also auf ein Modell symbolischer Teilhabe des Publikums, die sich jeweils situationsbedingt aktivieren, erfahren und überprüfen lässt.

Auch Carola Dertnig lotet in ihrer Performance und Installation Again Audience Handlungsoptionen aus und führt dabei Walthers Idee einer anti-essentiellen Werkkonzeption auf eine Art fort. Dabei greift Dertnig auf A. M. Rodtschenkos Entwurf einer Arbeitertribüne aus den 1920ern Jahren zurück, die als Teil eines – nicht realisierten – Arbeiterclubs der UDSSR gedacht war. Rodtschenko ging es darum, Raum für Bildung und eine aktive Teilnahme um künstlerische, soziale und politische Fragestellungen zu schaffen. Die von Dertnig nachgebaute Rednerbühne ist ein frei stehendes und mobiles Element, das sich nach Gebrauch einfach zusammenklappen lässt. Ein Scheren-Zaun bestimmt durch seine ausziehbare Größe die räumliche Präsenz der Arbeit. In einer Live-Performance auf dem nahe gelegenen öffentlichen „Hier ist Platz“ spricht die Künstlerin von dieser Bühne aus, um sie anschließend gemeinsam mit dem Publikum in den Ausstellungsraum zu transportieren und neu aufzubauen. Dieser Gebrauch der Rednerbühne intendiert die Überführung performativer und gesellschaftspolitischer Praktiken in den Alltag. Ergänzt wird die Arbeit durch sechs Fotografien einer Person (der Künstlerin), die den Gebrauch der Bühne dokumentieren. Auch ist das Video Some exercise in complex seeing is needed zu sehen, in dem die Stimme der Künstlerin eine gegen den Strom schwimmende Person begleitet.

In der Video-Arbeit Situations des Künstlerkollektivs Claire Fontaine wird dem Publikum ein schlagkräftiger Aktivismus vorgeführt, der Formen des politischen Widerstands und Fragmente von Autorschaft hinter sich lässt. Claire Fontaine führt vor, dass reine Kunstproduktion die Auswirkungen des Spätkapitalismus weder opponieren, noch umstürzen kann, da wir uns unweigerlich innerhalb dieses ökonomischen Systems befinden. In Situations überträgt Claire Fontaine die Auswirkungen und Kräfte der aktuellen politischen und monetären Krise in eine subjektive Emanzipation des Einzelnen. Die eindringlich vorgeführten Lektionen in übliche Nahkampf- und Selbstverteidigungstechniken konfrontieren die Ausstellungsbesucher/innen mit einer dargestellten und möglichen eigenen Radikalität.

Respect Realness zeigt schließlich eine Performance von Santiago Sierra, der den Buchstaben „P“ monumental bauen und anschließend zerstören lässt. In einer Serie von Performances an weltweit verteilten Orten, an denen bereits jeweils ein Buchstabe zerschlagen wurde, ist das „P“ nun das vorletzte zu zerstörende ikonische Denkmal. Sierra setzt ein Zeichen der Zeit, um letzteres zu zerstören und vermittelt uns damit seine Auseinandersetzung mit unserer Wirklichkeit. Auch in diesem Sinne „Respect Realness“.





Martin Beck, Carola Dertnig, Christian Falsnaes, Claire Fontaine, Ilja Karilampi, Brad Butler / Karen Mirza, Santiago Sierra, Jason Simon, Franz Erhard Walther