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  [TECHNO VISIONEN I. Sound als Fenster zu neuen sozialen und ästhetischen Bildräumen]

PANEL
Neue Galerie Graz
Sackstraße 16, A-8020 Graz
18.05-19.05.2001

KONZEPT: Christian Höller
Die letzte Dekade stand musikalisch primär im Zeichen von Techno-, Rave- und einer neu erwachenden Electronica-Kultur. Beinahe scheint es, als hätte sich ein Massenphänomen vom Beginn der 1990er Jahre (Rave) im Lauf der Jahre in zahlreiche Nischen, Kleinstsegmente und Substile ausdifferenziert, die sich kaum unter einem einzigen Begriff zusammenfassen lassen. Grund genug, um Rückschau zu halten und nach den visionären Versprechungen dieser vielen Teilkulturen, und zwar sowohl in musikästhetischer als auch in gesellschaftspolitischer Hinsicht, zu fragen.

Ausgangspunkt des Symposiums TECHNO-VISIONEN I soll die Spezifik dieser neuen Musik selbst sein, und hier vor allem das ganz besondere Sound-Vokabular, das sich in den letzten Jahren entwickelt hat. Welche Qualitäten und Intensitäten dominieren dieses Vokabular? Welche visionären Momente – um weiter auf der nicht-musikalischen Metaphernebene zu bleiben – lassen sich von der Sound-Ebene in andere Bereiche (gesellschaftsutopische, erfahrungsmäßige, etc.) hinein übertragen? Davon ausgehend sollte erkennbar werden, ob und inwiefern Sound heute zu einem Leitmedium kultureller Produktion geworden ist, bzw. innerhalb welcher Produktionsparadigmen die konkrete Arbeit mit Sound gegenwärtig ihren angemessenen Platz findet.
Daran anknüpfend sollten die Hierarchien und Differenzierungsmomente innerhalb der Techno-Kultur selbst thematisiert werden. Ganz offensichtlich hat letztere eine breite Schichtung von eher Konsum orientierten Massenvergnügungen zum einen und dem neu auflebenden Avantgarde-Ethos einer kleinen Electronica-Elite (man denke an Labels wie Säkhö, Mego, Touch, ~scape, etc.) zum anderen hervorgebracht. Eine diesbezügliche Fragestellung könnte lauten, inwiefern diese Schichtung die alte Differenz von Massenkultur und Elitedenken („Intelligent Techno“) bloß wiederholt, oder ob diese Begriffe im Zuge der fortschreitenden Fragmentierung von Techno und Electronica bereits dekonstruiert worden sind.
Ein weiterer Aspekt könnte die Frage nach veränderten Geschlechterbeziehungen innerhalb der Rave- und Club-Kultur sein. So sind ehemals fixierte (Geschlechter)- Identitäten durch eine Dancefloor-Politik aufgeweicht worden, die sich von der Position des weißen, männlichen, heterosexuellen Rockrebellen nachhaltig abgrenzt und stattdessen auf ein ekstatisches, polymorphes, oft auch nicht-geschlechtliches „Genießen“ setzt. Dennoch scheint die materielle und personelle Infrastruktur der DJ-Kultur immer noch weitgehend männlich dominiert, und es wäre zu fragen, wie eine weitere Verschiebung des Geschlechterverhältnisses durch Techno und Electronica bewerkstelligt werden kann. Ging es bei Rave, zumindest in der Anfangszeit, um die Ermöglichung des größtmöglichen Vergnügens für die größtmögliche Anzahl von Leuten, so bestand ein begleitender Aspekt stets darin, neue Räume oder neue Erfahrungen von Alterität zu eröffnen. Entscheidend wäre also die Art und Weise, wie „Techno-Visionen“ selbst zu einer umfassenderen, vor allem auch ethnischen Demokratisierung (und Enthomogenisierung) von Kultur beitragen können. Nicht zuletzt sollte dies im Hinblick auf die in Europa sich immer stärker durchsetzende politische Grundtendenz beurteilt werden, die großen Wert auf Selbstermächtigung durch (Jung-) Unternehmertum und Selbstverantwortung legt – etwas, was von der DJ-Kultur selbst kaum in Frage gestellt wird.

Schließlich scheint die Dancefloor- und Club-Szene in Summe ein heterogenes und disparates Sammelbecken von lose miteinander verbundenen Subjekten zu sein, die in erster Linie einen ähnlichen (und manchmal auch völlig abweichenden) Geschmack in Bezug auf elektronische Musik teilen. Dennoch scheint es auch einige zentrale Werte – etwa eine ethnisch „inklusive“ und tendenziell „globalistische“ (gegen globale Ungerechtigkeiten gerichtete) Haltung – zu geben, die von allen Beteiligten dieser Kultur mitgetragen werden. Eine hier anschließende Frage lautet, wie diese Werte in eine stabilere und institutionell verankerte (politische) „Konstitution“ übergeführt werden könnten.

Christian Höller

Bill Brewster, Electric Indigo, Christian Höller, Sascha Kösch, Hillegonda Rietveld, Torsten Schmidt, David Toop

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David Toop, TECHNO-VISIONEN I, 2001. Symposium.

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