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  [FLASHBACK, REMIX, DÉJÀ-VU?. Retro-Visionen in der aktuellen elektronischen Kultur]

PANEL
Neue Galerie Graz
Sackstraße 16, A-8020 Graz
25.05.2002

Gut zehn Jahre ist es her, dass Techno und die neuere elektronische Musik in den Mainstreamkanon einzufließen begonnen haben. Gut zehn Jahre auch, dass diese Bewegung, die lange Zeit mit der Ideologie der Geschichtslosigkeit und des Anti-Narrativen kokettierte, ihre eigene Geschichte schreibt. Seither ist Techno, im weitest möglichen Sinn verstanden, zu einem maßgeblichen Paradigma der Gegenwartskultur geworden. War zuvor der elektronischen Kunst, meist sozial abgeschottet und technizistisch motiviert, eine fröhlichavantgardistische Vorreiterrolle zugeschrieben worden, so hat sich in der letzten Dekade ein großflächiger Umbau, und vor allem eine kontextuelle Erweiterung, hin zu einer breit aufgefächerten elektronischen Kultur vollzogen.
Viele Mythen, die dieses neue Feld zentral zu kennzeichnen schienen, mussten seither revidiert werden: Autorlosigkeit, Anonymität oder die Enthierarchisierung von High und Low sind einige dieser Mythen, die keineswegs außer Kraft gesetzt wurden, ganz sicher jedoch Neuformatierungen erfahren haben. So hat die elektronische Musik heute selbst einen weitgehend unverrückbaren Kanon – sie, die einst antrat, jegliche Form von Kanonisierung und Geschichtlichkeit grundlegend aus den Angeln zu heben.
Sieht man sich heute um, so wird diese grundlegende Geschichtlichkeit kaum noch – sei es durch euphorische Zukunftsorientiertheit, sei es durch übertriebene Gegenwärtigkeit – zu maskieren versucht. Ganz im Gegenteil: Die elektronische Kultur scheint selbst die Rückgriffe auf Sound-Archive und Proto-Electronica-Genres in dem Maße zu forcieren, in dem die Speicher der Vergangenheit immer leichter digital verarbeitbar werden. Egal ob in Form von wiederverwendeten Sound-Partikeln, Sound-Signaturen, umfassenden Stil-Vorlagen oder kulturellen Blaupausen: Das Zurückgreifen auf Modelle, die irgendwann einmal zukunftsweisend bzw. als ihrer Zeit voraus erschienen, dominiert heute weite Teile dieser Kultur.

Grund genug, um im Rahmen des Symposiums FLASHBACK, REMIX, DÉJÀ-VU? ganz konkret zentrale Episoden aus der Vorgeschichte heutiger Electronica aufzurollen und auf ihre latente Aktualität hin zu scannen. Grund genug aber auch, um die scheinbare Zeitlosigkeit vieler „technoider“ Sounds zu hinterfragen bzw. bestimmte Erfolgsmuster hinter aktuellen Produktionen, die sich ganz bewusst auf einen zeitlich verschleierten Retro-Modernismus stützen, kritisch zu beleuchten. Schließlich auch Grund genug, um nach der jeweiligen Eigenart solcher Rückgriffe – als spezifische Formen einer „Nostalgie für die Gegenwart“ – zu fragen.

Treibt die elektronische Musik der Gegenwart in Richtung einer alles nivellierenden kulturellen Amnesie, die sich als unbeschwertes, aber auch folgenloses Hier-und-Jetzt-Gefühl breit macht? Trägt ein Überschuss an Referenzen zur gesteigerten Wertschätzung für Vergangenes, oder bloß zu einem schnelleren Vergessen bei? Wird der „Geschichtsballast“ einer Kultur vielleicht gerade dadurch neutralisiert, dass er ständig und überall, in kleinste Partikel gesprengt, wieder auftaucht, oder zum Auftauchen gebracht wird? Oder bahnen sich heute nur jene Stränge avancierter Musik den Weg ins Zentrum der Aufmerksamkeit, die ihrer Zeit so weit voraus waren, dass sie erst allmählich vom Lauf der Geschichte validiert werden? Eingezwängt zwischen 1979 und 2019, stellt sich schließlich die Frage, wie zeitbezogen die Musik der Gegenwart tatsächlich sein kann.

Christian Höller

Martin Büsser, Matthias Dusini, Tom Holert, Christian Höller, Anne Hilde Neset, Michaela Schwendtner, Krystian Woznicki

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Christian Höller, FLASHBACK, REMIX, DÉJÀ-VU, 2002. Symposium. Matthias Dusini, Tom Holert

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