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  [DILIN KEMIGI / DER KNOCHEN DER ZUNGE. Türkische Gegenwartskunst]

SHOW / LIVE ACT
Kunstverein Medienturm
Josefigasse 1, 8020 Graz
16.03-09.04.2005

Konzept: Fatih Aydogdu
Eine Kunstpraxis, die mit eigenen Kriterien und Rahmenbedingungen operiert, schafft nicht unbedingt bleibende (museale) Werte, aber durchaus eine selbständige Ästhetik der Kommunikation. Analyse-Kategorien, taktische Medien, aktivistische Interventionen reagieren auf und/oder prägen die aktuellen gesellschaftlichen Bedingungen. Schnelle oder unkomplizierte Medien bewirken über ihre Pragmatik eine Modalität, die den Einsatz verschiedener Verfahrensweisen (ästhetische, aktivistische oder teils theoretische) zusammen denken.
Die konnotative Ebene des Visuellen, von seiner kontextuellen Referenz und Positionierung in verschiedenen diskursiven Bedeutungs- und Assoziationsfeldern aus gedacht, bezeichnet den Punkt, an dem sich bereits kodierte Zeichen mit den Tiefen der semantischen Codes einer Kultur kreuzen und zusätzliche, aktivere Dimensionen annehmen. Hier gibt es keine rein sachliche (denotative) – und schon gar keine natürliche – Repräsentation. Jedes visuelle Zeichen in einer (spezifischen) Sprache konnotiert eine Eigenschaft, eine Situation, einen Wert oder eine Schlussfolgerung, die, abhängig von der konnotierenden Stellung, als Implikation oder implizierter Sinn gegenwärtig ist.
Die Bereiche der bevorzugten Begriffe bergen soziale Ordnungen in Form von Bedeutungen, Praktiken und Überzeugungen in sich: das Alltagswissen über gesellschaftliche Strukturen, darüber wie die Dinge für alle praktischen Belange innerhalb dieser Kultur funktionieren, die Rangordnung von Macht und Interesse sowie die Strukturen der Legitimation, der Einschränkungen und Determinationen. Daher beziehen sich die ausgewählten Zeichen mittels der Codes auf die Ordnungen des gesellschaftlichen Lebens, auf die ökonomische, politische Macht und auf die Ideologie, um sie lesbar zu machen. Mit dem Wort „Lesen“ wird hier nicht nur die Fähigkeit gemeint, eine gewisse Anzahl von Zeichen zu identifizieren und dekodieren zu können, sondern auch die subjektive Fähigkeit, sie in eine kreative Beziehung zwischen sich und anderen Zeichen zu setzen: eine Fähigkeit, die Bedingung für bewusstes Agieren in der eigenen Umwelt ist.

In der Austellung DILIN KEMIGI, die ein Kooperationsprojekt mit der DIAGONALE im Rahmen des Specials „Blickwechsel: In naher Ferne“ ist, wurden einige interessante zeitgenössische Positionen türkischer Künstler gezeigt. Tendenziell werden Thematisierungen eines (Bühne oder Szene bezeichnenden) Ortes als etwas Homogenes, Totales oder Einheitliches abgehandelt, kategorisch gelesen oder rezipiert. Der bewusst theoretisch abgeleitete Einleitungstext des Ausstellungskonzeptes ist ein Hinweis auf die erwünschte Leseart dieser Ausstellung, welche unabhängig von einem vorbelasteten Länderkontext, auf einzelne künstlerische Werke und deren Vielfalt aufmerksam machen soll. Selbstverständlich sind die ausgestellten Künstler von ihrer Herkunft geprägt und ihre Themen bzw. Konzeptionen stehen in direktem Bezug zu ihren Lebensräumen und deren sozialen, ökonomischen, politischen und kulturellen Komplexitäten. Gerade das macht sie aber auch interessant. Dennoch sind nicht die geographischen Ausgangsverhältnisse der Gegenstand dieser Ausstellung, sondern eine Sprache, die über ihren reflexiven künstlerischen Disput exemplarische Aussagen anbietet.

Eine türkische Redewendung lautet „die Zunge hat keinen Knochen“ und verweist referenziell auf die Redefreiheit („Dil“ bedeutet Zunge, Sprache). Diese Konnotation ist zugleich der Titel der Ausstellung und der resolute Hinweis auf die unterschiedlichen künstlerischen Ansätze. Auffällig ist die Fülle an Arbeiten, die aktuelle soziale und politische Problemfelder wie Migration, Geschlechteridentifikation und Rollenverhalten bzw. subkulturelle Phänomene thematisieren.

Fatih Aydogdu

Fatih Aydogdu, Songül Boyraz, Ergin Cavusoglu, Esra Ersen, Serhat Köksal, LeMan, Hale Tenger, xurban.net

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Hale Tenger, Dream H(a)unter, 2002. Video.

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