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  [RE:VISITED. Medien als utopische Räume?]

PANEL
Kunstverein Medienturm
Josefigasse 1, 8020 Graz
12.11-14.11.2004

KONZEPT: Reinhard Braun
Die Geschichte einer „Medienkunst“ im engeren Sinn ist vor allem durch Verschiebungen, Brüche, Diskontinuitäten, Fehlschläge und uneingelöste Utopien gekennzeichnet. Gerade wenn Medienkunst nicht primär technologisch definiert wird, erschließen sich ihre vielfältigen und wechselnden Bezüge zu kulturellen, gesellschaftlichen und sozialen Entwicklungen: Repräsentationspolitiken und Öffentlichkeiten, Kommunikation und Lokalität, Mediendispositive und Fragen nach Identitäten waren und sind manche ihrer Arbeitsfelder, die sich als Bruchstellen und Kraftfelder kultureller Konflikte insgesamt ausmachen lassen.
RE:VISITED unterzieht die immanenten gesellschaftlichen Entwürfe von künstlerischen Medienpraktiken einer kritischen Revision: Welche Modelle wurden formuliert, zitiert, fortgesetzt oder unterbrochen? Wie stellt sich die aktuelle Medienlandschaft und die Topografie aktueller medienkünstlerischer Praktiken angesichts der kritischen Diskurse der 1960er und 1970er Jahre dar? Wie verhält sie sich zu Strategien der Ästhetisierung in den 1980er und der Repolitisierung in den 1990er Jahren? Erscheinen die vielfältigen Umformulierungen, Widersprüche und Widerstände nicht immer auch als das Szenario eines Scheiterns?

TELEVISIONEN.
DISKURSIVE UTO PIEN, UTOPISCHE DISKURSE?
In den 1970er Jahren bildeten sich vor dem Hintergrund einer allgemeinen kritischen Analyse der Massenmedien eine Reihe von Initiativen und Projekte mit dem Ziel einer „alternativen Mediennutzung“ bzw. einer „Demokratisierung des Fernsehens“. Es entstehen selbstverwaltete Videogruppen, Initiativen zur Realisierung von lokalen Fernsehprogrammen, Projekte mit der Bevölkerung unter Einsatz tragbarer Kameras werden durchgeführt. Diese Initiativen sind auch für den Kontext künstlerischer Medienpraktiken in und mit Fernsehen von Bedeutung, weil sie das breite Ringen um die „Inbesitznahme der einen Mattscheibe“ verdeutlichen, bei der es nicht um Bilder oder Ästhetik geht, sondern um die Koordinierung und Kontrolle von kulturellen Verhältnissen.
Wie verhalten sich diese Medienpraktiken zur aktuellen Situation von Privatfernsehen, Reality-TV-Shows und Starmania-Serials? Kann Fernsehen noch als ein Medium verstanden werden, das eine Plattform zur Debatte und Kritik gesellschaftlicher Utopien herzustellen in der Lage ist, wenn es hauptsächlich dazu dient, jeder Sendeanstalt ihren Superstar zu liefern? Akzeptieren wir heute überhaupt noch die Frage nach einer Art medialem Gegenmodell als Grundlage von kritischer Bezugnahme auf Medienverhältnisse oder einer alternativen Anordnung der Elemente, die das Bewusstwerden der eigenen Umwelt bestimmen?

(REAL) VIDEO.
„ALTES“ MEDIUM GEGEN „NEUE“ FORMATE?
Als Medium eines sozusagen direkten Anschlusses an Wirklichkeit eingeführt, bildete Video sowohl die Grundlage zahlreicher experimenteller Künstlerprojekte als auch eine der wichtigsten Plattformen der Kritik gesellschaftlicher Medienverhältnisse. Von der zentralen Rolle von Video im Rahmen der politischen Gegenbewegungen der 1970er über die Ästhetisierung der 1980er und der Rückkehr als Kunstmedium in den späten 1990ern reicht die Bandbreite der Definition des Mediums. Parallel dazu erscheint es in einer medialen Mutation als „Real Video“ im Rahmen von multimedial orientierten Konzepten der Nutzung von Netzwerken: von der Snowboard-WM bis hin zur Tourismuswerbung etablierten sich Live-Bilder innerhalb einer neuen Ökonomie der Aufmerksamkeit. Zeichnet diese Parallelgeschichte den grundsätzlichen Wandel vom analogen zum digitalen Bewegtbild nach? Handelt es sich um den Übergang des Bildes in einen neuen (netzwerktechnisch/digitalen) Systemraum, in dem Fragen nach der Spezifität eines Mediums obsolet werden und es grundsätzlich um Verfügbarkeit geht?
Auch in diesem Zusammenhang drehen sich die Fragestellungen um mögliche unterschiedliche Medienpraktiken der Konstruktion und Distribution von Bildformationen, um die Verschiebungen innerhalb der Medienlandschaft und deren Konsequenzen für die jeweilige Re-Definition von Medien. Transformieren „neue“ Bildformate ein Medium bis zur Unkenntlichkeit, oder lassen sich nach wie vor Produktions- und Präsentationsstrategien ins Treffen führen, die eine medienspezifische Befragung gerechtfertigt erscheinen lassen?

NETZGENEALOGIEN.
VON DER SOZIALEN UTOPIE ZUM ARBEITSMODELL?
Erste Entwicklungen von Mailbox-Programmen begannen um 1961 im Rahmen von Time-Sharing-Systemen. Um 1985 erlebt das „Fido-Net“, entwickelt von Tom Jennings, seinen ersten Höhepunkt. Die Utopie von (unabhängig) encodierten Sozialgemeinschaften, antihierarchischen Online-Communities, freiem Zugang oder gar, mit dem Internet, ein neues, „revolutionäres Werkzeug“ zur Hand zu haben, hat sich als uneinbringbar erwiesen. Im Mittelpunkt der heutigen Nutzung stehen Information-Retrieval, Informationsfilterung und Sicherheitsfragen. Der Begriff vom Cyberspace hat ausgedient, pragmatische Zugänge haben sich durchgesetzt, damit allerdings erneut politisierende Formen von Informationsverarbeitung und -verbreitung.
Parallel dazu entsteht allerdings auch eine dynamische Topografie von trans-disziplinären – und damit immer auch künstlerischen – Beiträgen als (alternative) kulturtechnische Modelle, Konzepte und Operationen von Präsentation, Dokumentation, Verstehen und Wissensorganisation. Ist die „Geschichte“ des Internet ein weiterer Baustein in einer Reihe von gescheiterten Medienutopien, ein exemplarisches Beispiel für die Differenz zwischen Theorie und Praxis, oder stehen wir erst am Anfang, diese Utopie zu formulieren und gilt es gerade jetzt, neue Arbeitsund Lebensmodelle zu entwickeln, die im Ansatz bereits bestehen, und diese durch Theoriepraxis auszubauen, um eine soziale Qualität des „Networking“ zu entfalten, die über die herrschenden Arbeitsethiken des Industriezeitalters hinausgehen? Wie sieht die Rolle künstlerischer Praktiken im Rahmen des mittlerweile hoch ausdifferenzierten Alltagsmediums aus? Auch in diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, ob im Rahmen dieser Gegenmodelle künstlerische Strategien noch eine derart zentrale Rolle einnehmen können wie zu Beginn des „Web“?

Reinhard Braun

TELEVISIONEN. SCREENING
Gottfried Bechtold „Fernsehen“, 1972, 12 min.
Peter Weibel „TV-Aquarium (TV Tod I)“, 1972, 3 min.
Peter Weibel „TV-News (TV Tod II)“, 1972, 6 min.
Peter Weibel „teleaktion (iv, a tv-poem)“, 1972, 2 min.
Richard Kriesche „Blackout (Video demonstration Nr.10)“, 1974, 2 min.
Richard Kriesche „Malerei deckt zu – Kunst deckt auf“, 1977, 5 min.
Medienwerkstatt, Wochenschauprojekt: „Volks stöhnende Knochenschau“; „Schwul sein kann schon sein“, 11 min.; „Christa erzählt“, 12 min., 1980
Richard Kriesche „Die Nachrichten von gestern mit den Nachrichten von heute für die Nachrichten von morgen“ (Zagreb TV), 1981, 8 min.
Robert Adrian X „Surveillance“, 1981, 3 min.
Helmut Mark „Mediative Skulptur“, 1992, 12 min.

TECHNOVISIONEN.SCREENING
Axel Stockburger „Börsenkurse“, Lokal TV, 1996, 3 min.
Florian Zeyfang / Pietro Sanguineti „Costumers only – My home ist dein Haus“, A CLIPS 1997, 1 min.
Jesko Fezer / Axel John Wieder / Katja Reichard „Gentrification, was ist das? Ökonomische Verdrängung“, A-CLIPS, 1997, 1,30 min.
Dorothee Albrecht / Stephan Köperl „Die Fahrt durch die SüdwestLB“, Public Domain, 1997, 3 min.
UTV „Trailer“, 1997, 2 min.
Skot „iii“, 1998, 1 min.
Flora Watzal „Parabol“, 1999, 3 min.
epy „0 texvertices“, lanolin, 1999, 5 min.
plan-c „plan-c“, 2000, 4 min.
n:ja „rewind“, 2000, 5 min.
Pfaffenbichler / Schreiber „36“, vidok, 2001, 2 min.
Manfred Neuwirth „Private News (Breaking News)”, 2003, 6 min.
Dariusz Kowalski „LUUKKAANKANGAS“, EDITION Medienturm, 2004, 8 min.
Christian Egger / Manuel Gorkiewicz / Christian Mayer „making of: Büro für temporäre Informationsakkumulation“, 2004, 7 min.

Reinhard Braun, Hans Christian Dany, Karel Dudesek, Richard Kriesche, Gerda Lampalzer, Helmut Mark, Matthias Michalka, Ariane Müller, Marc Ries, Winfried Ritsch, Robert Scharf, Walter van der Cruijsen

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Reinhard Braun, Netzgenealogien. Von der sozialen Utopie zum Arbeitsmodell?, 2004. Symposium. Walter van der Cruijsen, Winfried Ritsch, Helmut Mark, Thomax Kaulmann

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